Kurzanleitung 

für Chorleiter 

und Chorleiterinnen 



Einen Chor zu leiten bedeutet nicht zuletzt, für die stimmliche Gesundheit der Chormitglieder Verantwortung zu übernehmen, sie zu pflegen und zu fördern.

Außerdem ist man, wenn man diese Position bekleidet, automatisch eine

Hauptbezugsperson in Bezug auf Singen für alle Chormitglieder, oft die einzige

professionelle Quelle für alle Fragen um Gesang und Stimmpflege.

Daher ist es sehr wichtig für alle in diesem Beruf, über die anatomischen und neuronalen Grundzüge des Singens so Bescheid zu wissen, dass die funktionale Gesunderhaltung der ihnen anvertrauten Stimmen gewährleistet ist.

Leider gibt es in der Ausbildung zu diesem Beruf noch keine flächendeckende funktionale Unterweisung, so dass sich ein paar Missverständnisse und Irrmeinungen in diesem Bereich hartnäckig zu halten scheinen.


ATMUNG / ZWERCHFELL

Das Zwerchfell, wie der Name schon sagt, ein quer (zwerch) im oberen Bauchbereich verlaufender Muskel, ist der primäre Einatmungsmuskel. Es trennt den Verdauungstrakt vollständig vom Atemtrakt und ist nahtlos mit der Lunge verbunden. Dadurch kann es durch Kontraktion nach unten einen Unterdruck im Lungengewebe erzeugen, das ja durch den Rippenkorb in seiner Form festgelegt ist, und so einen Sog aufbauen, der Außenluft ins Innere der Lunge zieht, ähnlich dem Prinzip, wie eine Spritze aufgezogen wird. Die Atemluft "fällt" nicht in die Lunge, sie wird angesaugt.

Wie jeder Muskel ist das Zwerchfell nur fähig, zu kontrahieren, oder die Kontraktion loszulassen, also zu entspannen. Daher kann durch Zwerchfellaktivität nur eingeatmet werden, niemals aus.

Die Ausatmung geschieht durch die Rückstellkraft der Rippen, die durch die Kontraktion des Zwerchfells (und durch Kontraktion der äußeren seitlichen Zwischenrippenmuskeln) zur Einatmung auseinander gespreizt worden sind, und im Weiteren durch Druck der Bauchmuskulatur nach innen, der das nachgebende, sukzessive entspannende Zwerchfell durch nach oben Schieben der Verdauungsorgane weiter nach oben treibt. Rhythmische Ausatmungsübungen (f p t k ...) und akzentuiert gestoßene Konsonanten trainieren also nicht das Zwerchfell, sondern die (ohnehin oft dauerkontrahierten) schrägen Bauchmuskeln und erschweren dem Zwerchfell, das ja nur durch Einatmen trainiert werden kann, die Beibehaltung der so wichtigen Einatmungstendenz beim Singen. Sie sind für funktional gesundes Singen also kontraproduktiv und haben die gegenteilige Wirkung von der gewünschten, das Zwerchfell zu kräftigen, indem sie die Antagonisten stärken.


FORMANT

Der in der Akustik häufig verwendete Begriff “Formant” bedeutet, dass in der Obertonreihe, die über einem Grundton entsteht, sich mehrere Obertöne zu einer Obertonballung “formieren”. Jede Vokalfarbe ist definiert durch einen tiefen und einen höheren Vokalformanten. Diese Ballung ergibt sich aus der jeweiligen Form des Rohres, in dem die stehende Welle schwingt. (Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist folgendes Kurzvideo auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=8WnMKJhI7y4&t=3s&pp=ygUjZGVtb3N0cmFjaW9uIGRlIGxhIGZvbmFjaW9uIGh1bWFuYSA%3D
 Dabei ist es unerheblich, wie lang das Rohr ist, allein die Form ist ausschlaggebend. Das ist auch der Grund, warum auch Tierstimmen und von unbelebten Gegenständen hervorgerufene Klänge oft für unsere Ohren wie Vokale klingen. Der Grundton, gebildet von den schwingenden Stimmlippen, und der 1. Vf (der 1 - 1 ,5 cm darüber im sogenannten Vestibül entsteht) sind akustisch nicht trennbar. Sie sind verantwortlich für das dunkle Timbre der Gesangsstimme. Der 2. Vf entsteht unterhalb des weichen Gaumens, er ist verantwortlich für die Verständlichkeit. Durch unsere Prägung auf Sprache sind viele ChorleiterInnen und LaiensängerInnen es (leider) gewöhnt, vor allem oder ausschließlich auf den 2. Vf zu achten. Fehlt der 1. Formant, weil der Kehlkopf zu hoch steht, ist es unmöglich, mühelos Masse anzukoppeln, weil die Rundung des “Instruments” nicht optimal ist. (So etwa klingen Kinderstimmen; sehr hell, “bianco”.) Eine hinunter gedrückte Zunge wiederum verhindert die Ausbildung des 2. VF, der Klang der Stimme wird dumpf.

Im Detail: 1. Vf u 320 Hz, 2. Vf 800 Hz, o 1.Vf 700 Hz, 2. Vf 1000 Hz, offenes o 1.Vf 700 Hz, 2. Vf 1150 Hz, a 1. Vf 1000 Hz, 2. Vf 1400 HZ, ö 500 Hz, 2. Vf 1500 Hz, ü 1.Vf 320 Hz, 2. Vf 1650 Hz, ä 1. Vf 700 Hz,. 2. Vf 1800 Hz, e 1. Vf 500 Hz, 2. Vf 2300 Hz, i 1. Vf 320 Hz. 2. Vf 3200 Hz (Quelle: Wikipedia) Bei u liegen also der 1. und 2. Vf am nächsten zusammen, bei i am weitesten auseinander. Unterhalb und oberhalb der die Vokalfarbe definierenden Frequenzbereiche ist es unmöglich, klare Vokale zu artikulieren, da die sie bestimmenden Merkmale nicht oder unvollständig vorhanden sind. Es gibt zwei Möglichkeiten: Man verkürzt und verkleinert das ganze “Instrument”, um klar artikulieren zu können, oder man erlaubt eine Öffnung des Vokaltraktes zum nächstoffeneren Vokal hin. Bei dieser Möglichkeit kann der Kehlkopf auf seiner sängerischen Tiefposition bleiben und der Gesangsreflex bleibt ungestört erhalten. Das bedeutet: weil über a” beim erwachsenen Menschen die wichtigsten drei 2. Vokalformanten verschwunden sind, ist es nicht möglich, die dazugehörigen Vokale in dieser Lage adäquat zu artikulieren. Männerstimmen haben es da entschieden leichter, da sie sich bei der Tonbildung praktisch nie in diesen Frequenzbereichen bewegen. Das ist einer der Gründe für die “undeutliche” Aussprache von Sopranistinnen: sie spüren instinktiv, dass es ihrer Stimme und der Qualität ihres Gesangs schadet, wenn zu deutlich im Sinne der Sprachgewohnheit artikulieren und damit den 1. VF verlieren. Die Folge ist stimmliche Ermüdung, weil der Gesangsreflex nicht störungsfrei ablaufen kann.

Ein Wort noch zum berühmten Sängerformanten: Es gibt drei Sängerformanten ab ca. 2000 Hz, der zweithöchste und der höchste Sängerformant als Klangcode, (um 2900 bzw. 3400 Hz) regen über das Gehör im Gehirn Glücksgefühle an. Positive Aktivität wird ausgelöst. Einen ähnlichen Effekt hat Vogelgesang. Vielleicht einer der Gründe, warum Singen glücklich macht?

GESANGSREFLEX
Er ist der komplizierteste zusammengesetzter Reflex, der dem Menschen eigen ist, gehört aber wie alle Reflexe zum Grundpotential jedes Menschen. Beginn ist ein neurologischer Impuls im Mittelteil des Stammhirns durch den Bewegungsreiz der sich weitenden Rippen (8.- 5. Rippenpaar) an die Nerven, die in der Wirbelsäule verlaufen. Eine spezielle Form der tiefen Einatmung (ab ca. 50% Lungenvolumen) löst ihn aus, vergleichbar mit der Auslösung des Niesreflexes, die ja auch einer speziellen (anderen) tiefen Einatmung bedarf.
Durch die spezielle Mundöffnung ohne Zungendruck (wie beim Trinken) und den Zug des Zwerchfells auf die Bronchien (trachealer Zug) wird der Kehlkopf gesenkt, reflektorisch auf Mundöffnung und trachealen Zug hebt sich das Gaumensegel gegenläufig, wie bei alle elastischen Materialien erzeugt auch hier Zug Gegenzug.  (Es wird nicht durch Druck der Zunge nach unten zu dieser Hebung angeregt, das würde den Rachenraum verengen). Das bedeutet im Umkehrschluss: bei zu geringem Einatmungsvolumen wird der Gesangsreflex nicht ausgelöst, die Klangerzeugung ist dann anders organisiert und ähnelt eher dem Rufen.
Ist der Gesangsreflex soweit von ihm zuwider laufenden Gewohnheiten befreit, dass er dominant die Phonation leiten kann, ist er selbstregulierend und selbstoptimierend. Allein die Wahrnehmung von angenehm, ”stimmig” reguliert ihn. Ein Bewegungsablauf wird immer von der neuronal feinsten Bewegung geleitet, und die üben in dem Fall die Stimmlippen aus (“Fingerspitzengefühl”).
Die schließende Schutzfunktion des m vocalis wird ersetzt durch kinetische Energie + Tonus, Schließbereitschaft des m vocalis, der nicht schließt, sondern durch den Reflex ausgelöste regelmäßige sehr schnelle Schwingungen (bei a’, 444 Hz, also 444 x pro Sekunde auf und zu) vollführt.

KONSONANTEN
Das Programm für Konsonantbildung ist ein Sprachprogramm, es wurde im Kleinkindalter gelernt, mit kurzem Resonator und hohem Kehlkopf.
Alle Konsonanten haben eine Schließtendenz, also müssen sie möglichst kurz artikuliert werden. Während der Phonation werden sie annähernd genau so gebildet, wie beim (flüsternden) Artikulieren während des Einatmens, nämlich den Vokaltrakt öffnend statt schließend. (Belcantobegriff: Inhalare la voce) Konsonanten haben eine (sehr hohe) Eigenfrequenz, die vom Ohr wahrgenommen wird. Da das Gehirn den Luftdruck beim Toneinsatz für geschlossenen Kiefer (bei der Artikulation von den meisten Konsonanten muss der Kiefer ganz oder beinahe geschlossen sein), also Kehlkopfhochstand bei der Phonation berechnet, wenn der Konsonant dominant “auf Tonhöhe” angesteuert wird (was im Chor oft verlangt wird), sendet es statt des Öffnungsimpulses für die Phonation einen Schließimpuls, damit entsprechende Frequenzen erzeugt werden können (“Zischen”). Das bedeutet, der Kehlkopf wird reflektorisch von der Artikulationsmuskulatur nach oben gezogen, der Vokaltrakt verkürzt und verengt, so dass funktional gesundes Singen unmöglich wird.
Besonders ungünstig ist von der Sprachgewohnheit gesteuerte Konsonantenbildung ab d”, da ab dieser Tonhöhe die Öffnung des Vokaltraktes unbedingt notwendig ist, um den Ton ohne Überdruck zu erzeugen. (Sonst wäre es Schreien, ein anderes Tonerzeugungsprogramm im Überdruckmodus.) Das gleiche Problem stellt sich bei geschlossene Vokalen, weil zur Erzeugung von hohen Tönen eine gewisse Mundöffnung unbedingt nötig ist, die aber wieder nicht erlaubt, geschlossene Vokale deutlich zu artikulieren. Das ist der Grund für die “Sprechfaulheit” von Sopranistinnen.
Bei Kinderstimmen sind die physikalischen Voraussetzungen anders, da stellt sich das Problem nicht in der Weise, da sie “kleinere Instrumente” mit anderen akustischen Gesetzmäßigkeiten haben.
Sänger vermeiden instinktiv diesen Effekt, indem sie stimmhafte Konsonanten auf Schwa (also in tiefer Sprechlage) und ohne Luftdruck bilden, damit kein Luftdruck auf den nachfolgenden Vokal übergeht. Das ist der funktional sinnvolle Grund für das beliebte “Anschleifen” der Töne. Alles andere wäre auf Dauer stimmschädigend. Gute Sänger verstehen es allerdings, das im Idealfall so unauffällig zu gestalten (z.B. durch einen unhörbar schnellen “Oktavsprung”), dass es kaum oder gar nicht wahrnehmbar ist.
Stimmlose Konsonanten werden ohne Luftdruck und Tonhöhenvorstellung gebildet.

MÄNNERSTIMME - FRAUENSTIMME
Männerstimme und Frauenstimme sind anatomisch annähernd gleich, die Stimmlippen des Mannes sind etwa ein Viertel länger als bei der Frau. Der Unterschied im Klang beruht auf der stumm mitschwingenden Masse, vergleichbar mit dem Unterschied im Klang einer Violine und eines Violoncellos beim Spielen der selben Tonhöhe denn die Männerstimme hat mehr Muskelmasse, und dadurch auch mehr Potential, Kontraktionsspannung aufzubauen. Sie kann also von der Phonstärke her lautere Töne erzeugen. Frauenstimmen sind dadurch gut hörbar, dass ihr Frequenzspektrum in einem von unseren Ohren besonders intensiv hörbaren Bereich liegt (Babys machen sich in diesem Frequenzbereich bemerkbar) und hohe Frequenzen ohnehin eine weitere Reichweite haben als tiefe. Von der Dezibelzahl her betrachtet, singen Frauen immer leiser als Männer.
Der Übergang zwischen “Bruststimme” und “Kopfstimme” ist bei Männer- und Frauenstimmen aber annähernd auf der selben Tonhöhe, nämlich etwa bei d’, da er ein akustisches Phänomen ist und kein anatomisches:
Die Eigenresonanz der Luftröhre, (die bei Männern und Frauen annähernd gleich gestaltet ist), hat etwa diese Frequenz, und beim Phonieren dieser
Tonhöhe wird sie zur Vibration angeregt (wie eine Tasse auf dem Klavier). Auf diese Störung der regelmäßigen Stimmlippenschwingung reagiert der m vocalis mit einer Schließtendenz, was seine Primärfunktion ist: Schließen bei unerwarteten Luftverwirbelungen, um die Lunge
zu schützen.
Bässe singen also meistens in der Bruststimme, Sopranistinnen in der Kopfstimme, und Tenöre, Countertenöre und Altistinnen müssen den Übergang ausgleichen (Registerausgleich).
Die Höhe der Frauenstimme folgt den selben akustischen Gesetzmäßigkeiten wie das “Falsett” der Männerstimme (wobei der Begriff “Falsett”, hergeleitet von italienisch “falso”, bemerkenswert ist. Für Männer fühlt es sich naturgemäß “falsch” an, sich stimmlich in der Kopfstimme zu bewegen. Das gilt aber natürlich nicht für Frauen.).
KINDERSTIMME
Das Schreien des Säuglings ist ermüdungsfrei, weil beim Säugling der Kehlkopf ganz hoch steht. Es ist eigentlich ein Pfeifen. Je jünger ein Kind ist, desto geringer ist die Differenzierungsmöglichkeit, und desto mehr atmet es in den Bauch, weil die Aufrichtung noch nicht abgeschlossen ist. Das bedeutet, Kinder “singen” in einem Überdruckmodus , zumindest bis etwa zum achten Lebensjahr (weil da die Aufrichtung abgeschlossen ist), meistens aber bis zur Pubertät. Deshalb haben sie auch kein -> Vibrato, ein Phänomen der Stimme des erwachsenen Menschen, das sich erst bei abgeschlossener Aufrichtung einstellen kann.
Kinderstimmen haben einen schwachen Grundton und einen schwachen 1. Vokalformanten wegen der geringen Muskelmasse (entgegengesetzt zur Männerstimme mit ihrem dunklen Klang) und klingen deshalb heller als die Stimmen von erwachsenen Frauen.
(Belcantobegriff: voce bianca)
 

MUNDÖFFNUNG

Caruso hat mit einem Flaschenkorken zwischen den Zähnen geübt.

Die optimale Mundöffnung beim Singen beträgt etwa zwei Fingerbreiten zwischen den Zahnreihen, öffnet man den Kiefer weiter, schließt der Rachenraum wieder, weil der Zungenrücken nach hinten gedrängt wird. (Deshalb ist auch die sogenannte Gähnstellung, auch Gähnweite genannt, eigentlich kontraproduktiv, weil die optimale Weite, der Durchmesser des Vokaltraktes, genau dadurch wieder verringert wird.)

Ist die Mundöffnung kleiner, steht auch der Kehlkopf zu hoch.

Die Öffnungsbewegung beginnt vorne durch einen schwachen Muskel längs unter dem Kinn (m digastricus). Wenn die Öffnungsbewegung von hinten beginnt, ist sie durch Zungendruck zustande gekommen, was den Rachenraum verengt und den Kehldeckel schließt (“Knödel”). Der Unterkiefer bewegt sich “sichelförmig” nach vorne -> unten. Der Lippenring bleibt  immer kontrahiert: u->o->a. Das ist die saugende Bewegung, die wir beim Trinken kennen, und wie beim Trinken wird durch diese Form der Mundöffnung der Kehlkopf automatisch um ⅔ seiner Senkfähigkeit gesenkt und die Einatmung aktiviert, damit ein Sog nach innen erzeugt wird. 

Deshalb ist es sinnvoll, nur Einsingübungen zu wählen, bei denen der Kiefer auf der Position eines dunklen a geöffnet ist, der Lippenring in aktiver Dehnung, und die auch vom Konsonantgebrauch so sängerisch wie möglich gewählt sind, also mit drucklosen, öffnenden Konsonanten, oder ganz ohne.



NASE
"Ich atme beim Singen, als ob ich an einer Rose rieche." (Zitat Caruso) Die Nase ist ausgestattet mit einem unteren und einem oberen Luftweg (über das Riechorgan: die obere Zunge hebt sich mehr, der Raum zwischen Rachenwand und Zunge erweitert sich minimal. Die sängerische Einatmung beginnt durch die Nase, dann durch Mund und Nase, ab etwa 2 cm Mundöffnung schließt das Gaumensegel reflektorisch, ab da erfolgt reine Mundatmung mit gedehntem oberen Atemweg. (Bei geöffnetem Mund ist es ab einer bestimmten Öffnung nur mit gehobener Zunge möglich, durch die Nase einzuatmen.) 

Bei Nasenatmung ist der Raum nicht gestaltet, die tiefe Frequenz schwach. Nasalität ist deshalb das Gegenteil von Kopfigkeit, sie wird erzeugt durch Zungendruck und als Reaktion darauf flacher Position des weichen Gaumens. (Bei geöffnetem Mund wird die Nase von anderen Muskelgruppen geöffnet als bei geschlossenem Mund.)

REGISTER
Der Begriff Register ist irreführend, eigentlich ist die Stimme ein Einregisterinstrument wie das Monochord, mit 2 Komponenten, nämlich Masse und Dehnung. (Der Begriff Spannung ist wissenschaftlich ungünstig, weil damit sowohl die Dehnung eines Muskels durch den kontrahierenden (anspannenden) Antagonisten als auch die Kontraktion selbst gemeint sein kann. Deshalb spreche ich lieber von Dehnung.)
Das Phänomen Brust-und Kopfstimme ist rein akustischer Natur, entweder die Luftröhre wird zu Eigenvibration angeregt,  oder nicht. In der Funktion des m vocalis besteht kein qualitativer Unterschied: wie beim Stimmen einer Saite wird durch Dehnen des elastischen Materials eine Verlängerung und Verschmälerung erreicht, was die Tonhöhe des davon erzeugten Klanges höher werden lässt. Oder (was die Saite nicht kann), der m vocalis kontrahiert aktiv und wird, wie jeder andere Muskel auch, dadurch dicker und kürzer, und der erzeugte Klang tiefer. Der den m vocalis dehnende Antagonist heißt m cricothyroideus (“ct”) und befindet sich vorne unten am Schildknorpel.
Das dehnungsdominante Register, das durch Kontraktion des ct, der das Ligament des m vocalis dehnt, erzeugt wird, fühlt sich "höher" an, weil die Stimmlippen dünner sind und tatsächlich weniger/keine Masse im unteren und hinteren Bereich des m vocalis schwingt. Dadurch werden vor allem hohe Frequenzen zur Resonanz angeregt, und die sind hauptsächlich im Kopfbereich spürbar. Daher kommt der Begriff “Kopfstimme”. Genauso ist es mit den Vokalen u und i, sie werden aus dem selben Grund (Dehnungsfunktion) als “kopfig” bezeichnet. Bis zur Tonhöhe fis" ist noch ein immer geringer werdender Masseanteil vorhanden, darüber hinaus ist die Masse nicht abgekoppelt sondern "hingegeben”, vollständig/längstmöglich gedehnt und passt sich der Schwingung des gedehnten Ligaments an.
Die “Bruststimme” wird wegen der fühlbaren Vibrationen im Brust-/Bronchienbereich als solche bezeichnet, durch Kontraktion des m vocalis entstehen tiefe Frequenzen, die die Resonanz der Luftröhre anregen.
Funktional gesehen ist die Dehnung des m vocalis, wie bei der Saite, ein gradueller Vorgang ohne Brüche.

VIBRATO
Jeder Muskel besitzt Tremorfähigkeit, je kleiner desto schneller (die Bauchmuskulatur bei 4 Hz, die Finger bei 5-7 Hz). Tremor wird ausgelöst durch neurologische Impulse an die Muskeln. Das sogenannte “neuronale Zittern” dient dem Erhalt der Spannkraft undBelastbarkeit des jeweiligen Muskelpaares. Ist das Kräfteverhältnis zwischen Agonisten und Antagonisten ausbalanciert, stellt es sich reflektorisch ein, um eine Dauerbelastung zu ermöglichen. Da beim m vocalis und seinem Antagonisten, dem ct, die Tremorfrequenz bei 5-7 Hz liegt, ist das auch gleichzeitig die Frequenz eines gesunden Vibratos. Durch das neuronale Zittern entsteht außerdem eine Wellenschwingung an der Oberfläche des Ligaments. Da durch die Schwingungen des m vocalis hörbare Töne erzeugt werden, ist beim Singen diese zusätzliche Schwingungsform auch hörbar als Vibrato. Auch eine leichte Tonhöhenveränderung von etwa einem Viertel- bis Halbton entsteht durch diese regelmäßige Schwingung. Der m vocalis organisiert über diese Funktion, die sich bei dominanter Unterdruckfunktion des Atemapparates von selbst einstellt, seine weiteren Bewegungsformen wie Tonhöhenveränderungen, dynamische Abstufungen (beides durch An- und Abkoppeln von Muskelmasse) Koloraturen, Triller, Staccato und viele weitere komplexe Bewegungsabläufe, sogar den Grad des Luftflusses durch die Stimmlippen, da durch das Vibrato eine noch feinere Koordination möglich wird. Es ist die den gesamten Gesangsreflex organisierende Funktion.
Vibrato ist innerer Rhythmus, daher ist auch das Rhythmusempfinden untrennbar mit einem gesunden Vibrato verbunden, und der m vocalis reagiert auf diese Weise auf rhythmische Veränderungen in der Musik.
Vibratounterdrückung zieht aus diesen Gründen Intonationsprobleme nach sich, weil ein Zuviel bzw. Zuwenig an Muskelmasse im Verhältnis zur Dehnung des Ligaments und auch ein Zuviel an Luftdruck unter den schwingenden Stimmlippen zu tief bzw. zu hoch klingende Klangergebnisse erzeugt.
Vibrato bei der menschlichen Stimme ist so etwas Natürliches (und offenbar
Wünschenswertes), dass das Spiel von Instrumenten damit bereichert worden ist, mit möglichst ähnlicher Frequenz und Amplitude.
Selbstverständlich ist es im Chorgesang manchmal nötig, nonvibrato zu singen. Es gibt aber einen Modus des m vocalis, in dem das Vibrato gebremst wird (und zwar von zwei kontrahierenden kleinen Muskeln links und rechts am Kehlkopf), und das ist das Glissando. Da wird natürlicherweise nonvibrato gesungen. Ein funktional gesundes nonvibrato ist also gewissermaßen eine Art "Glissando auf einem Ton",  der (äußerst geringe) Luftdruck und die Öffnung,  Rundung und Kehlkopfposition bleiben gleich. Das ist ein  grundlegend anderes Konzept als das, die Balance im Vokaltrakt durch Überdruck bzw. Schließung so zu stören,dass das Vibrato verschwindet. Allerdings muss der/die Singende dafür in der Lage sein, so balanciert zu phonieren, dass Vibrato grundsätzlich möglich ist.

VOKALAUSGLEICH
Ontogenetisch ist der Vokal älter als der Konsonant, das Lallen des jungen Säuglings erfolgt ausschließlich auf Vokalen. In diesem Alter ist Saugen die dominante Funktion der Mund-Rachenregion (-> Inhalare la voce). Mit Erwerb der Sprache wird ein neues, von schließenden Muskeln ausgeführtes Programm installiert, das neuronal und deshalb auch zeitlich mit dem Zu-sich-Nehmen von fester Nahrung und damit dem Kau- und Schluckvorgang verschaltet ist. Die Sängervokalisation muss also als solche im Gehirn neu verlinkt und dann eintrainiert werden, denn evolutionär stammt sie noch aus der Zeit vor dem Kauen und Sprechen Lernen. Gleichzeitig ist die Sprachvokalisation auch beim Singen anfänglich dominant, da gesungene Literatur immer mit Text versehen ist, und beim Sprechen natürlich weiter verwendet wird. Es gilt also, die beiden
Sprachbehandlungsprogramme auseinander halten zu lernen. Optimalerweise wäre das die Hauptaufgabe von Stimmbildung.
(Wenn Kinder die Möglichkeit haben, funktional gesund singende Erwachsene zu hören, entstehen Verbindungen im Gehirn, die die Freilegung des Gesangsreflexes nach dem Übergang zur Erwachenenstimmgebung deutlich erleichtern.)
“Alle Vokale haben in der (sängerischen) Artikulation die gleiche ovale Form” (Zitat Caruso).
Die Kontraktion/Dekontraktion der Lippenrundung ist bei allen Vokalwechseln entkoppelt von der der Zunge, was dem Reflex des Saugen entspricht.
Beim Singen wird der Vokal im Klangraum, dem Rachenraum von den Stimmlippen bis zum Gaumensegel, verortet statt im Mundraum wie bei der Sprachgewohnheit.
Es gibt Rundungsvokale und Zungenhebungsvokale, die sängerisch aber beide mit einer ähnlichen “saugenden” Lippenöffnung, das heißt, mit Tonus im Lippenringmuskel gebildet werden, anders als bei der Sprachgewohnheit.
Alle Vokale haben nach Phonation und Nachatmung eine optimalere Form, da sie vom dominant wirksamen m vocalis angefordert wurde, der ja die ganze Funktion reguliert.

VORDERSITZ
Wo “sitzt” die Stimme? Was bedeutet das überhaupt?
Es gibt Vibrationswahrnehmungen im Vokaltrakt bei der Phonation, direkt an und über den Stimmlippen und am oberen Ende des Instruments, am geschlossenen Gaumensegel (-> Nase).
Die Umlenkung der in der Phonation entstandenen stehenden Welle durch
Dazwischenschieben einer Art Rampe mit Hilfe schräger Zungenhebung ermöglicht die Bildung der Vokale e, i, ä, ö und ü (Zungenhebungsvokale), die eine dritte Vibrationswahrnehmung am harten Gaumen erzeugt. Diese Wahrnehmung wird gerne als “Sitz” bezeichnet und ist sehr deutlich spürbar, meistens viel deutlicher als die untere und obere primäre Schwingungswahrnehmung, weil sie an einem Knochen resoniert.
Daraus hat sich die “Sitztechnik” entwickelt. Da die oben genannten Vokale alle viele helle Frequenzen aufweisen, wollte man dies den dunkleren Vokalen a, o und u auch zugänglich machen durch eine ähnliche schräge Zungenhebung. Diese werden sängerisch aber nur durch Kontraktion des Lippenrings gebildet (wie beim Saugen), eine schräge Hebung des Zungenrückens zieht den Kehlkopf mit hoch. Dadurch wird der Stimmklang zwar heller, verliert aber an tiefen Frequenzen und somit an Phonstärke.
In einer Klangsäule bilden sich immer so viele Teilfrequenzen des Grundtones, wie die Länge des Rohres ermöglicht (Beispiel ‘Kindertrompete’). Sehr hohe Frequenzen, wie der sprichwörtliche Sängerformant, können also nur in einem optimal langen Vokaltrakt entstehen, bei tiefstmöglicher Position des Kehlkopfes.
Durch die Sitztechnik werden also tiefere Teiltöne mit eher näselnder Klangfarbe (auf Grund der Verkürzung des Vokaltraktes) eingetauscht gegen die ganz hohen Frequenzen, die die Tragfähigkeit bestimmen, weil sie am weitesten hörbar sind, und obendrein Orchesterinstrumente sie nicht herstellen können. Gleichzeitig ist das Ganze durch die suboptimale Kehlkopfposition auf Dauer stimmschädigend, da ja auch für die entsprechende Phonstärke mehr Luftdruck aufgewendet werden muss, der die Stimmlippen zu Masseankopplung anregt, um den durch das Hochziehen entstandenen Verlust von schwingender Muskelmasse auszugleichen.

STÜTZE
Der Begriff beruht auf der Wahrnehmung, dass im Augenblick des Einsatzes die
Einatmungsmuskulatur nachtonisiert (wie beim Übergang vom Heben eines schweren Gegenstandes zum langsamen kontrollierten Absenken, das ja dominant durch die die Kontraktion langsam und kontrolliert verringernden Hebemuskeln geleitet wird), und in der Folge die Bauchdecke passiv leicht nach innen gezogen wird. Die Rippen bleiben dabei geweitet, da das Zwerchfell optimal kontrahiert ist und deshalb sehr tief steht. Das wird dominante Einatmungstendenz oder auch Unterdruckventilfunktion genannt: Der Reflex des Singens ist definiert durch die Beibehaltung der Dominanz der Aktivität der Einatmungsmuskulatur über die der Ausatmung während des Vorgangs der Ausatmung. Das ist der tiefere Sinn des Begriffs “Inhalare la voce”, und das ist auch das Gefühl beim Singen, durch das der Begriff geprägt worden ist.  Da durch seitliches Heben der Arme auf Schulterhöhe diese Dominanz neuronal und physikalisch unterstützt wird, ist das bei professionellen Sängerinnen eine so beliebte Position (ohne dass die meisten den Grund dafür kennen), dass diese Haltung sozusagen als Prototyp der Vorstellung von einem Sänger, einer Sängerin bezeichnet werden kann! 
All das ist reflektorisch gesteuert und zusammengesetzt aus verschiedenen Reflexen zu einer Tertiärfunktion der einzelnen Körperteile. Notwendig ist diese muskuläre Kontrolle des Luftflusses durch die Stimmlippen, weil der Schwingungsvorgang zur Tonerzeugung extrem fein, differenziert (bei Kammerton a' 444x pro Sekunde regelmäßig hin und her!), und deshalb sehr störanfällig für “wilde Luft” ist. Deshalb fordern die Stimmlippen, die die Funktion leiten, die Unterdruckfunktion neuronal an, um störungsfrei schwingen zu können.
Verwechslungsgefahr besteht leider mit der Überdruckfunktion, bei der die Bauchdecke durch die kontrahierenden Ausatmungsmuskeln (schräge Bauchmuskulatur) aktiv nach innen gedrückt und die Rippenerweiterung verringert wird, die die Tiefstellung des Kehlkopfes gewährleistet , und dadurch Überdruck unter den Stimmlippen entsteht, auf den sie mir Schließungstendenz reagieren.